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Seit ich im Altersheim bin, kümmerte ich mich immer wieder um die Probleme dieser Bewohnerin. Zum ersten Mal traf ich an meinem 3. Tag auf Fr. Y. Die Pflege ruft an und teilt mir mit, dass der Blutzucker unmessbar ist. Auch nach 10 E Insulin ist er noch nicht messbar. Ab ins Spital. Ca 1.5 Wochen später kommt sie mit einem neu diagnostizierten Diabetes mellitus zurück. Eingestellt mit Metformin und Insulin. Alles ist geregelt.

Einige Wochen später fällt sie durch extreme Traurigkeit auf. Sie ist immer immobiler und weint oft. Es ist lange unklar ob dies ein Fortschreiten der Demenz ist oder ob ein anderes Problem vorliegt. Nach langem rumprobieren fanden wir die Ursache. Ihre Gonarthrose.  Zudem stellen wir die Depression medikamentös ein. Der Zustand stabilisierte sich.

Einige Tage später ruft mich die Pflege an und berichtet, dass sie vermehrt Probleme mit der Medikamentengabe haben. Oft öffnet Frau Y den Mund nicht und man kann ihr die Medis nicht geben. Ich reduziere alles was unnötig ist. Das orale Antidiabetikum ebenfalls. Wir messen täglich Blutzucker. Alles scheint stabil zu bleiben.

Vor 1 Woche ruft mich die Pflege an. „Frau Y ist gelb. Kannst du vorbeikommen?“ Ich nehme gleich den Ultraschall mit. Leider konnte ich vor lauter Darmgassüberlagerung nichts sehen. Während der Untersuchung drücke ich ziemlich mit dem Schallkopf in den rechten Oberbauch. Fr. Y zuckt kaum zusammen. Schmerzhaft scheint dieser Ikterus nicht zu sein. Ich beginne mir Sorgen zu machen, sage gegenüber der Pflege aber nichts. „Bitte Labor machen mit allen Leber und Cholestaseparametern“ Nach 1 Stunde habe ich die Ergebnisse. Die Entzündungswerte sind kaum erhöht. Aber die Leber und Gallenwerte sind alles um das 4fache oder höher erhöht. Nachdem ich die Tochter informiert habe weise ich sie mit der Diagnose Cholestase bei Vd auf Choledocholithiasis ins nächste Zentrum ein.

Nach 2 Tagen rufe ich im Spital an. Meine alte Arbeitsstelle und erkundige mich bei meinen alten Kollegen nach dem Zustand. An dem Tag fand gerade das ERCP (endoskopische retrograde Cholangiopankreatoskopie) statt. Die Kollegen vermuteten ebenfalls eine Blockade des Gallenabflusses.

Dann verging eine Woche und ich hatte viel zu tun. Erkundigte mich nicht mehr nach dem Zustand von Fr. Y. Ich wusste sie war bei meinem alten Team in den besten Händen.

Heute hatte ich Visite auf der Station von Fr. Y. Die Pflege informiert mich, dass Fr. Y am Karfreitag ins Pflegeheim zurück kommen wird. Ich müsste noch eine Veränderung der Behandlungsabsichten vornehmen und sie auf palliativ stellen. Ich schaue sie verdutzt an. „Wieso? Wegen Gallensteinen?!“ „Nein, ob ich es noch nicht gehört habe? Sie hat einen Bauchspeicheldrüsentumor“ „WAS!? Nein, davon wusste ich nichts…“ Ich greife zum Telefon und rufe im Spital an. Meine Kollegen bestätigen mir die Diagnose. Während der ERCP bekam sie einen Stent. Der Abfluss der Gallenwege war nun offen, doch die Angehörigen hatten sich gegen eine OP oder weitere Therapien entschieden. Morgen würde sie noch am Tumorboard besprochen dann könne sie wieder zu uns zurück.

Nach dem Telefon erinnerte ich mich wieder an mein ungutes Gefühl bevor ich sie einwies. Ein schmerzloser Ikterus, das lernt jeder Medizinstudent, ist nichts Gutes. Ich hab den Gedanken beiseite geschoben. Dachte mir, die arme Frau hat schon genug Pech im Leben. Es müssen einfach Gallensteine sein. Leider ist es nun doch das Pankreaskopfkarzinom. Nun ergab alles einen Sinn. Der plötzlich aufgetretene Diabetes mellitus. Initial gut eingestellt und plötzlich wieder schlechter werdend.  Ich habe schon einige Patienten mit der Diagnose Pankreaskopfkarzinom gesehen. Nach einer OP, der Whipple, verlängert sich das Überleben um etwa 6-8 Monate. Davon verbringt man ca 3 Wochen im Spital und danach noch einige Wochen in der Reha. Ohne OP oder Therapie steht die Prognose bei ca 6 Monaten.

Ich änderte die Behandlungsabsichten in unserem Computersystem auf „palliativ“ und verordnete die „End of life“ Reservemedikation. Jetzt müssen wir es ihr noch so angenehm wie möglich machen.

Nachtrag 24.04.2017

Frau Y. ist heute um 7.30 Uhr friedlich eingeschlafen.

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