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Meine Zeit in der Rechtsmedizin ist nun schon fast einen Monat her, aber die Story muss ich noch loswerden.

Es war etwa in meiner zweiten Woche, da berichtete mir der Rechtsmediziner man hätte auf einem nahe gelegenen Gletscher Überreste gefunden, welche zu uns zur Identifizierung gebracht würden. Ein Gletscherfund! Wann bitte schön passiert so was schon? Alle paar Jahre vielleicht. Ich war also sehr gespannt auf die Überreste. Vor allem konnte ich nicht einschätzen was mich erwartet. Waren es ganze Körper oder nur noch einzelne Gliedmassen? Hatte es noch Gewebe oder waren es nur noch Knochen? War das Gewebe mumifiziert? Fragen über Fragen.

Die Überreste wurden in 3 Tüten und einem grossen Klumpen aus Stoff und Ausrüstungsgegenstände „geliefert“. Meine Aufgabe bestand darin eine Inventarliste aufzustellen. Aber nicht nur von den Ausrüstungsgegenständen sondern auch von den Überresten. Wie viele linke Arme hat es? Wie viele Schlüsselbeine etc. So kann man sich grob einen Überblick verschaffen wie viele Menschen es sind. Ich begann mit den Tüten. In der ersten war ein Oberarmknochen und ein paar Stofffetzen. In der zweiten befand sich ein Stück Kiefer und einige Seile. Der Inhalt der dritten Tüte bestand fast nur aus Ausrüstungsgegenständen. Aber es hatte noch eine kleinerer Tüte darin. Als ich sie öffnete fand ich einen zerbrochenen Schädel. Es waren zum Grössten Teil Kalotten-Teile. Unmöglich auf einen Blick zu sagen wie viele Schädel es sein könnten. Ich legte den Schädel beiseite. Dann widmete ich mich dem grossen Stoffklumpen. Wir hatten keine Ahnung was darin sein könnte. Doch er war schwer. Der Präparator half mir ihn auszuwickeln. Viele Ausrüstungsgegenstände kamen zum Vorschein. Ein Schweizer Taschenmesser in seine Einzelteile zerfallen, eine alte Filmrolle aus Plastik. Die meisten Kids heutzutage würden die gar nicht mehr erkennen. Und viele weiter kleine Gegenstände mit denen ich am Ende zwei Autopsietische ausgelegt hatte. Im Inneren trafen wir auf einen Oberkörper mit Oberarm. Die Leiche war noch komplett in seine Klamotten eingepackt und der Präparator half mir ihn auszuziehen. Der Arm war nicht so gut vor der Witterung geschützt gewesen und vollständig Mumifiziert. Die Hand fehlte jedoch. Der Torso war nicht mumifiziert. Er war teilweise in Fettwachs verändert, teilweise vertrocknet. Als wir ihn auszogen fanden wir einen Beutel um seinen Hals. Darin war Geld, mehrere Ausweise und ein Foto seiner Ehefrau. Die Banknoten die wir fanden sind gar nicht mehr im Umlauf. Ich kenne sie noch aus meiner Kindheit. Die Identifizierung dieser Person sollte nicht schwierig sein, da die Fundsachen und der Name auf dem Ausweis mit einer Vermisstenmeldung übereinstimmte, die uns vorlag. Dieser Bergsteiger wurde seit den 80er Jahren vermisst. Es macht mich traurig, dass die Familie so lange nicht wusste was mit ihm geschah und doch macht es mich auch glücklich, den nun kann die Familie endlich Abschied nehmen und ihren Liebsten beerdigen.

Mit den weiteren Überresten hatten wir nicht so ein einfaches Spiel. Der Schädel bereitete mir ein bisschen Kopfzerbrechen. Meine Aufgabe bestand nun darin, das Ding zusammen zu setzen. Ja wirklich! Und da wir in der realen Welt leben und nicht bei „CSI“ oder „Bones“ konnte ich nicht einfach einen Scanner drüber jagen und mir das Teil per Computer zusammensetzen lassen, nein, ich musste es von Hand machen.😉 Ich sass mehrere Stunden daran…nein Tage! Die Präparatorin nannte mich schon „Puzzletante“. Ich bekam häufig Besuch von den Pathologen oder den Labormitarbeitern, die interessiert nachfragten, was ich den da treiben würde. Schlussendlich konnte ich 14 Teile zusammensetzten und ein weiteres Stück mit 3 grossen Teilen. Ich schaffte es aber nie die beiden Stücke in Verbindung zu bringen. Durch meine Arbeite konnte ich die Kosten der DNA-Analyse von 17000 Fr. auf 2000 Fr. reduzieren.🙂 Da ich mit Sicherheit sagen kann, dass alle 14 Teile zum gleichen Menschen gehören mussten wir dort nur ein DNA Sample nehmen. Das gilt für alle Überreste. Wenn sie mit einander in Verbindung gebracht werden können muss man nicht von allem eine DNA Analyse machen. Die Analysen werden bei diesen Fällen nicht zur Identifizierung gemacht sondern um allfällige weitere Funde diesen Leichen zuzuordnen. In den 80er Jahren wurden leider noch keine DNA Samples mit den Vermisstenanzeigen gesammelt. Identifikation mittels DNA wird also schwierig. Die Polizei sucht zwar momentan nach DNA bei den Angehörigen. Doch wer von den Familien noch lebt oder ob die Vermissten Kinder hatten ist eine andere Frage. Wen ein Kind adoptiert wurde nützen einem DNA Samples gar nichts.

In einem der Tüten war ein Kieferstück. Bei den Vermisstenanzeigen waren auch Zahnschemas dabei. Doch eines wollte einfach nicht so richtig passen. Es hätte gut sein können, dass wir einen weiteren Vermissten gefunden hätten, doch das Zahnschema stimmte nicht ganz. Ich schnappte mir den Kiefer und fuhr mit dem Bus zu einem Zahnarzt in der Stadt. Dort wurden Röntgenbilder angefertigt um die Füllungen besser mit dem Schema vergleichen zu können. Noch immer passte es nicht. Wir überlegten ob der damalige Zahnarzt ev. schlampig gearbeitet hatte und die Füllungen nicht richtig eingezeichnet hatte, was durchaus möglich war. Für eine Identifizierung reichte es aber bei weitem nicht. Für einen Ausschluss aber auch nicht. Nun versucht die Polizei die alte Zahnarztpraxis ausfindig zu machen um die Orginal Röntgenbilder zu bekommen. Doch ob es die Praxis noch gibt und der Zahnarzt noch lebt ist die andere Frage.

Leider war meine Unterassistenz in der Rechtsmedizin vorbei bevor irgendwelche Resultate vorlagen und es wird noch Monate dauern bis die Arbeit beendet ist. Ich bin stolz mitgeholfen zu haben und hoffe dass die Vermissten endlich nach Hause kehren dürfen.