Schlagwörter

, ,

Montag Morgen. Ich sitze mit der Pathologin am Tumorboard im Frauenspital als mein Telefon klingelt. Der Rechtsmediziner ist dran und verkündet mir, dass wir um 9 Uhr autopsieren würden. Ich begebe mich nach dem Tumorboard also in den Autopsiesaal. Der Rechtsmediziner und der Präparator sind schon da. Auf dem Tisch liegt eine weibliche Leiche. Meine erste Schätzung, Ende 30.

Der Rechtsmediziner hasst es wenn man sofort alles anfasst und er legt grossen Wert darauf, dass man erstmal beobachtet. Er lässt mich 5 Minuten mit der Leiche allein und trägt mir auf sie genau anzusehen und ihm dann meinen ersten Eindruck zu schildern. Ich marschiere also 5 Minuten um die Frau rum und betrachte sie aus allen möglichen Winkeln ohne sie anzufassen. Sie ist sehr sportlich. Die Brüste sind gemacht. Sie hat ein Tattoo in der rechten Leiste. Äusserlich sehe ich kaum Verletzungen, aber es hat nur leicht ausgebildete Totenflecke, was mir sagt, dass sie wohl stark innerlich geblutet hat und sich das Blut in den grösseren Kompartimenten befindet wie Bauch und Brust.

Der Rechtsmediziner kommt zurück und ich schildere ihm meine Eindrücke. Er hat mehr oder weniger das gleiche gesehen. So bin ich zufrieden dass er zufrieden ist :p Die Autopsie beginnt. Der Präparator hat schon den Kopfhautschnitt am Hinterkopf in den Haaren gemacht während wir noch redeten. Zuvor hat er die Haare samuraimässig noch oben gebunden, damit sie nachher wieder den Schnitt überdecken. Dann sägt er ihr die Kalotte ab. Bevor die Kalotte entfernt wird wird kontrolliert ob irgendwo Gefässe gerissen sind, dann wird das Gehirn von der Kalotte getrennt und herausgenommen. Die zweite Gehirnhälfte wird ebenfalls herauspräpariert. Man sieht okzipital Blutungen. Dies passt zu der Beule an der Stirn. Coup-contre-coup heisst das Phänomen. Krafteinwirkung und Verletzung liegen am entgegengesetzten Ende.

Während der Präparator am Kopf arbeitet hat der Rechtsmediziner zum Y-Schnitt angesetzt. Er arbeitet sehr schnell und präzise was mich nicht überrascht. Die Lungen sind auf beiden Seiten kollabiert, das Herz hat an der Herzspitze ein Loch, die Aorta ist gerissen, die Wirbelsäule ist im Brustbereich durchgebrochen und hat noch vorne die Aorta zerfetzt. Die Leber ist eingerissen, die Milz ist gerissen und eine der Nieren ist halbiert. Bei diesem Unfall müssen ungewöhnlich starke Kräfte am Werk gewesen sein. Der Schaden ist katastrophal, die Notärzte hatten nie eine Chance.

Die einzelnen Organe werden entnommen und ich beginne sie zu wiegen und trage die Werte in die Dokumentation ein. Dann zeichne ich auf einem Schema die Knochenbrüche ein. Nachdem alles gewogen und von jedem Organ Proben für die Histologie entnommen wurden werden sie zurück in den Körper gelegt. Jedoch nicht an ihren gewohnten Platz. Man füllt einfach alles irgendwie wieder ein, damit es drin ist. Die Brustimplantate hat der Präparator wieder „angenäht“ was bei den rutschigen Silikonkissen tricky war. Man ist eben immer bemüht, die Person wieder so herzurichten, dass sie gleich aussieht wie vor der Autopsie.

Nach dem Mittagessen sah ich dem Präparator zu wie er sie wieder zumachte. Der Mund wird von innen zugenäht, damit die Lippen schön natürlich aufeinander zu liegen kommen. Der Y-Schnitt wird vernäht und nachher wird die Leiche gewaschen und gekämmt und ist bereit vom Bestatter abgeholt zu werden.

Ich habe also meine erste Autopsie hinter mich gebracht. Sie war sehr blutig, da die Frau wirklich schwer verletzt war. Aber schlecht wurde mir trotzdem nicht. Als die Kopfhaut über das Gesicht gezogen wurde und es verdeckte, sah ich die Frau auch nicht mehr wirklich. Sie war nur noch die Sammlung ihrer Verletzungen und Befunde. Es half mir mich etwas abzuschotten. Ich bin gespannt ob es meine einzige Autopsie bleiben wird. Bei uns ist momentan wirklich nicht viel los. Jeder „normale“ Mensch würde jetzt sagen: „Gott sei dank!“ Ich weiss ich weiss…aber der Tod ist nun mal das Business des Rechtsmediziniers.