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Am Montag startete mein Semester und ich darf mich jetzt Masterstudentin nennen :p Geändert hat sich aber nicht viel. Die Reihenfolge der Vorlesungssäle und die Krankenhäuser in denen ich Kurse habe. Sonst blieb alles beim Alten.

Unser erster Themenblock behandelt die Psychiatrie. Seit Montag habe ich nun diverse Patienten gesehen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen. Die Profs bemühen sich jeden Morgen einen Patienten mitzubringen. Und so hatten wir auch gestern zwei Patienten die uns ihre Geschichte berichten wollten.

Der erste Patient war noch gar nicht lange aus dem Krankenhaus entlassen. Sein Suizidversuch liegt nur 6 Wochen zurück. Hätte ich diesen Mann irgendwo ausserhalb des Spitals angetroffen hätte ich es nie für möglich gehalten, dass er sich noch vor wenigen Wochen das Leben nehmen wollte. Er sass ganz locker auf dem Stuhl und hatte einen freundlichen Gesichtsausdruck. Jung schien er zu sein. Sicher nicht älter als 35. Sein Suizidversuch hat er mit einem Küchenmesser unternommen, welches er sich in den rechten unteren Quadranten des Bauches stach. Er berichtete keine Schmerzen verspürt zu haben. Nachdem er sich das Messer in den Bauch gestochen hatte legte er sich ins Bett und wartete. Er wisse nicht mehr wie lang der im Bett gelegen habe, wie lange es gedauert hat bis ihn sein Arbeitskollege gefunden hat. Erst als der Notarzt mit ihm zu reden anfing hatte er wieder einigermasen ein Gefühl für die Zeit. Die Entscheidung sich etwas anzutun, traf er in dieser Nacht. Er hatte Jobprobleme und sah keinen Ausweg mehr. Er erzählte uns, das er in dieser Nacht das Gefühl hatte so nicht weitermachen zu können. In dieser Situation zu verharren. Ihm wäre nicht in den Sinn gekommen, dass er seinen Job einfach kündigen könnte. Auch an seine Familie dachter er nicht mehr. Er wollte noch seinen Bruder anrufen, habe es dann aber doch nicht getan. Er wisse nicht warum. Sein Glück war, dass er am Abend vorher mit seinem besten Freund über seine Gedanken geredet hatte und ihm von einem Abschiedsbrief erzählte den er schon vor Monaten geschrieben hatte, als er es sich schon einmal überlegte. Der Freund reagierte sofort als er morgens nicht zur Arbeit erschien. Zum Glück war auch die Wohnungstür offen, was sonst nie der Fall sei. Er wisse nicht mehr ob er sie offen gelassen habe. Er schliesse sonst immer ab. Rückblickend sei er froh gerettet worden zu sein. Er kremple nun sein Leben komplett um. Den Job hat er gekündigt. Er will die neue Chance nutzen. Seine Freund und seine Familie hätte unterschiedlich reagiert. Manche hätten ihn auch angeschrien.

Mittlerweile ist dieser Patient in psychiatrischer Betreuung und hat auch eine Psychopharmakotherapie begonnen.

Der Hörsaal war totenstill als er erzählte. Über 200 Medizinstudenten die endlich mal die Klappe halten, sieht man selten. Ich fühlte fast nichts als er erzählte. Erst gegen Ende als er seine 7 Jährige Tochter erwähnte ging es mir durch den Kopf „Du Feigling! Wolltest einfach deine kleine Tochter zurücklassen“ Mir fiel es schwer nicht zu urteilen, weil ich Suizid nicht billige. Ich verstehe Menschen die nicht mehr wollen und nicht mehr können. Aber ich finde, dass es noch so viele andere Möglichkeiten und Anlaufstellen gibt wo man sich Hilfe suchen kann. Vielleicht fiel es mir bei diesem Patienten auch etwas schwerer weil er so gut und frisch aussah. Der zweite Patient machte nicht so einen fitten Eindruck. Er sass etwas schüchtern auf seinem Stuhl und redete sehr leise. Wegen des Akzents verstand ich ihn leider auch sehr schlecht. Er hatte seinen Suizidversuch mit Tabletten unternommen vor seiner Frau (!) Diese alarmierte die Ambulanz. Er erzählte uns, dass er nun verstehe, dass er an einer Krankheit gelitten habe. Er war depressiv. Seine Familie und sein 5 Töchter hätten ihm die Kraft gegeben, die Therapie durchzustehen welche ambulant (!) erfolgte. Der Professor erzählte uns, dass sie in seinem Fall ein grosses Risiko eingegangen wären. Doch der Patient wolle einfach nicht eingewiesen werden und die behandelnden Ärzte fanden es für seine Genesung sinnvoller den Patienten auf ihrer Seite zu haben und ihn nicht zur Therapie zu zwingen. So ging er jeden Tag zu seiner Psychiaterin in die ambulante Sprechstunde und schafft es gesund zu werden. Dies ist mittlerweile 1.5 Jahr her und er hat jetzt auch keine Medikamente mehr.

So sah meine erste Begegnung mit Patienten aus, die einen Suizid-Versuch unternommen hatten. Ich denke, dass ich im Praktikum sicher noch auf weitere treffen werde. Ich will mir Mühe geben kein Urteil zu fällen.