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Mein letzter Beitrag hat einige Fragen aufgeworfen, deshalb habe ich etwas recherchiert.

Die Schweiz hat im Jahre 2006 als erstes Land das Bologna-System beim Medizinstudium eingeführt. Ob dies nun sinnvoll ist, bleibt Geschmacksache. Ich sehe eigentlich nur einen Vorteil und einen sehr grossen Nachteil. Dazu später mehr.

Zuerst mal zum Aufbau des Studiums unter Bologna-System. Ich habe hier Unterlagen der Universität Basel zu Rate gezogen, die ich noch vom letzten Besuchstag habe.

Bachelorstudium

In den 3 Jahren des Bachelors werden die human- und naturwissenschaftlichen Grundlagen und das medizinische Basiswissen vermittelt. Die Organsysteme werden in einem ersten Zyklus durchgenommen. Als Vorbereitung auf den Patient/inn/en-Kontakt werden die ärztlichen Fertigkeiten schrittweise an Modellen und KollgInnen erlernt und trainiert.

Das Studium im Bologna-System besteht aus einem obligatorischen Anteil, den alle Studierenden besuchen und den so genannten Vertiefungsrichtungen (Majors). Vertiefungsrichtungen sind Clinical Medicine (klassischer Arztberuf), Dental Medicine (Zahnmedizin), Biomedical Science und Public Health.

Der obligatorische Teil besteht aus organspezifischen Themenblöcken und den Basiskompetenzen. Die Basiskompetenzen umfassen vier Bereiche:

  1. soziale-kommunikative und ethische Kompetenzen
  2. manuelle-diagnostische und therapeutische Fertigkeiten
  3. wissenschaftliches Arbeiten
  4. Humanities (Medizin und ihre Wirkfelder)

Dieser Aufbau setzt sich in allen Studienjahren gleichermassen fort. Die Themen des 1. Jahres bestehen aus den Naturwissenschaften (Chemie, Physik, Biologie), Bausteine des Lebens, Baupläne des Lebens, Nervensystem und Bewegungsapparat. Das 2. Studienjahr besteht aus organspezifischen Themenblöcken: Verdauungstrakt, Grenzflächen, Herz-Kreislauf, Atmung, Psyche-Ethik-Recht, Blut-Infektion-Abwehr. Im 3. Studienjahr setzt sich der Studienaufbau in gleicher Weise fort. Themen: Gesundheit-Krankheit, Urogenitaltrakt, Patient oriented evidence that matters (POEM), Endokrine Organe, Nervensystem-Sinnesorgane, Reprodukion, Lebenszyklen und Notfall. Die Praxisanwendung erfolgt im Einzeltutoriat und Arzt-Patienten-Unterricht. (Sprich: Im 3. Jahr fängt die Klinik an)

Masterstudium

Im Masterstudium werden die Organsysteme auf dem Bachelor aufbauend, wiederaufgenommen und vertieft. Das Prinzip der Themenblöcke, Basiskompetenzen und Vertiefungsrichtungen setzt sich fort. Die Studierenden der Zahnmedizin werden im Master in einem separaten Studiengange geführt. Die Ausbilung bis zum Masterabschluss dauert weitere 2 Jahre für Zahnmedizin und die Vertiefungsrichtungen Public Health und Biomedical Science. Für Studierende der Vertiefungsrichtunge Clinical Medicine (Humanmedizin) dauert der Master 3 Jahre, da für die Zulassung zum eidgenössischen Staatsexamen das Wahlstudienjahr absolviert werden muss, (6. Studienjahr) in dem die Studierenden als Unter-AssistentInnen praktische Erfahrung sammeln. Von den zehn Monaten, sind je drei in den Kernfächern Innere Medizin und Chirurgie nachzuweisen. Drei Monate sind auch in einer Allgemeinpraxis möglich.

Das eidgenössische Staatsexamen kann erst nach Erlangung des Mastergrads abgelegt werden. Dieses ist zwingend für die Weiterbildung (Spezialisierung) erforderlich.

Ein Studienjahr gilt dann als erfolgreich abgeschlossen wenn 60 Kreditpunkte nachgewiesen werden.

Doktoratstudium

Für die nicht obligatorische Promotion ist eine Dissertation vorzulegen, die im Doktoratsstudium (ca. 3 Jahre) erarbeitet wird. Zur Erlangung eines Facharzttitels ist diese Promotion nicht mehr vorgeschrieben.

So, das wäre im Grossen und Ganzen die Infos, die wir inzwischen bekommen haben. Kurz gesagt wurde das alte Studium einfach in der Mitte unterteilt und die beiden Hälften wurden Bachelor und Master getauft. Das fiese an diesem neuen Curriculum ist, dass wir um unseren „gratis“ Doktortitel betrogen werden, den man mit dem alten System sehr „leicht“ erwerben konnte, indem man während des Studiums eine Arbeit geschrieben hat. Es wird in Zukunft wohl viele neue Ärzte geben, die ohne Doktortitel praktizieren werden, da vielen nach 6 Jahre Studium einfach die Lust auf noch 3 Jahre vergangen ist. Diese Änderung geht mir gewaltig gegen den Strich. Eine Kombination aus Assistenzzeit und Doktorarbeit wird wohl kaum möglich sein, da diese neue Doktorarbeit wohl wirklich eine grosse wissenschaftliche Arbeit darstellen sollte, wie sie jeder „normale“ Naturwissenschaftler auch macht. Ich frage mich dann halt, ob die Patienten zu einem doktortitellosen Arzt Vertrauen aufbauen können, da viele das Kürzel Dr. mit dem Arztberuf in Verbindung bringen.

Positiv an der neuen Regelung finde ich, dass man nach 3 Jahren schon einen kleinen Titel hat: „Bachelor of Medicine“. Klingt doch nett. 🙂 Und wenn man den Bachelor-Titel dann mal in der Tasche hat, sind es ja „nur“ noch 3 Jahre bis zum Abschluss. Ausserdem kann man mit einer anderen Vertiefungsrichtung wie zB. Biomedical Science in Richtung Forschung abbiegen. Ich hab gehört es soll noch Leute geben, die das wirklich ihr Leben lang machen wolle. *staun* Nein, das war jetzt fies. Aber dies wäre für mich sicher keine Alternative. Da hätte ich auch Biologin bleiben können.

Ob das Bologna-System so bleibt und sich durchsetzen wird, kann auch ich nicht vorhersagen. Aber hoffentlich ändern sie das mit dem Doktortitel noch. Sonst bin ich traurig…

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