Die phöööse Paraphimose

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8.30 Uhr. Ich beginne meinen Dienst im Altersheim. Kaum da, klingelt mein Telefon. Es ist die Pflege eines etwas weiter entfernten Wohnbereiches (anderes Gebäude)

„Guten Morgen! Ich weiss du bist grad erst gekommen, aber kannst du dir nachher mal Herrn H. anschauen? Da stimmt was nicht mit dem Penis.“

„Aha, was den genau?“

„Heute morgen bei der Körperpflege ist mir das aufgefallen. Er hat am Schaft so eine Verhärtung. Ich weiss nicht genau was das ist.“

„Ok ich komme nachher vorbei“

Im Kopf ging ich schon das Dermatologie-Buch durch. Harter Schanker? Syphilis? Oh je…Ich machte mich auf den „weiten Weg“ ins 2. Nachbargebäude.

Die Pflege empfängt mich freudig und ist froh, dass ich da bin. Wir gehen zu Herrn H. Er ist auch erfreut mich zu sehen. Diesen Bewohner hatte ich nun schon einige Male gesehen. Er ist ein älterer Herr, 84jahre Alt und noch fit im Kopf. Sehr höflich. Ich mag ihn.

Als er sich frei gemacht hat, sehe ich das Problem. „Aha! Was ist den da passiert?“ Frage ich laut. „Tut es weh“ „ein bisschen“ Ich blicke auf eine Paraphimose. Das ist ein ballonierter Schnürring der Vorhaut. Dies geschieht wenn die Vorhaut nach hinten rutscht und dort verbleibt. Sie schwillt an und fängt an den Schaft abzudrücken. Die Vorhaut von Herrn H. wirkte schon leicht livide. Der Bewohner ist Dauerkatheterträger. Doch dieser wurde heute oder gestern nicht gewechselt. Dies geschieht häufig wenn jemand, der noch nicht so erfahren im Katherlegen ist und die Vorhaut nach der Einlage nicht mehr nach vorne schiebt.

Bildergebnis für paraphimose

Rechte bei: Prof. U. Engelmann, Uniklinikum Köln

Wie geht man das Problem an? Ich nenne es liebevoll „ausmelken“ Man umfasst den Penis im Bereich der geschwollenen Vorhaut und drückt. Langsam drainiert man so die Schwellung weg und man kann die Vorhaut wieder über die Eichel schieben. Sofort bessert sich die Farbe und die Schmerzen sind weg.

Die Pflege war beeindruckt und Herr H. dankbar. Ich frage die Pflege ob sie das noch nie gesehen hätte? Sie verneinte, was mich überraschte. Sogar der Stationsleiter hatte nicht gewusst wo hier das Problem liegt.

Schlussendlich war ich froh, dass ich dem Bewohner so schnell helfen konnte. Doch ein Grinsen konnte ich mir beim Verlassen der Station nicht verkeifen.

 

Momoko und die Gomers

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Seit 2 Tagen bin ich im Altersheim „zwangsstationiert“

Mit mässiger Laune begann ich meinen Dienst und wurde sehr herzlich empfangen. Sogar mit Blumenstrauss.

Meine Kollegin führt mich gerade in die Arbeitsabläufe ein. Es sieht nach einer nicht all zu anstrengenden Tätigkeit aus. Visite morgens und nachmittags, hin und wieder ein Angehörigengespräch, Eintrittsuntersuchungen und Notfallmassnahmen. Die Bewohner haben alle genaue Behandlungspläne d,h. ob sie ins Spital eingeliefert werden sollen oder welche Medikamente man noch geben soll und darf.

Ich bin für 4 Abteilungen zuständig. Das sind ca. 100 Patienten. Ich habe die Möglichkeit Labor oder Röntgenbilder zu machen. Ob dies noch notwendig ist muss man dann immer individuell entscheiden.

Man hat viel Kontakt zu den Bewohnern. Sie sind selten in ihren Zimmern. Sitzen im Gang oder Aufenthaltsraum. Viel sind sehr dement und man muss feinfühlig mit ihnen umgehen. Einige sind lustig, andere sind aggressiv. Heute war Tanznachmittag. Wir wurden mehrmals zum Tanzen aufgefordert als wir vorbei gingen. 🙂

Ich verbringe 4 Monate mit den Gomers bis Ende Mai. Da kommt sicher noch die eine oder andere Geschichte zusammen.

Dienstende

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Da denkt man der Dienst ist vorbei. Liegt auf dem Bett und schaut Netflix als das Diensttelefon mit dem penetranten Rea-Alarm losgeht. Ich zucke kurz zusammen. „Oh man doofer Testalarm“ denke ich noch. Schaue aufs Telefon.

„4 Stock  Zimmer 2“

Whaaat!! Wollt ihr mich jetzt verarschen?? Ich laufe los. Zum Glück bin ich im Assistentenbüro und nicht im Notall Ich bin nah an dem Zimmer dran. Als ich im Treppenhaus bin sehe ich bereits durch die Glasscheibe wie der 1. Anästhesist Richtung Zimmer renne. Ich bin ihm dicht auf den Fersen. Ich bin die 4. die im Zimmer eintrifft. Die Pflege ist bereits am drücken.

„Guten Morgen! Welcher Zyklus?“ frage ich. „Beim 3. Zyklus“ antwortet die Pflege. „Holt schon jemand den Defi?“ „Ja“ „Hast du noch Kraft?“ „nein eine Ablösung wär schön“

Ich löse sie ab. In dem Moment betritt ein Tross Menschen das Zimmer. Es ist das Team der IPS und die Anästhesie mit dem Defi. Sofort werden die Pads geklebt während ich drücke. „Wir machen eine Rhythmusanalyse“ Ich höre auf zu drücken und schau auf den Defi. Es ist schon mal keine Asystolie, aber auch kein Kammerflimmern. Es gibt elektrische Aktivität aber wir haben keinen Carotis- oder Leistenpuls. Ich gebe dem Team 5s um sich für eine Diagnose zu entscheiden, dann beginne ich unaufgefordert wieder mit der Thoraxkompression. „Sieht nach „PEA“ Pulslose elektrische Aktivität aus meinte der Anästhesiepfleger. Sind alle einverstanden?“. Niemand gibt Wiederworte.  Ich werde abgelöst. Wir können nur hoffen, dass sich die Herzaktivität so weit steigert bis wieder ein Auswurf entsteht. Weiterdrücken. Es wird das erste Adrenalin verarbreicht. Die Anästhesie intubiert. Wir haben weiterhin einen bradykarden Rhythmus aber ohne Auswurf. Nach der 2. Runde Adrenalin haben wir ihn wieder. ROSC (return of spontaneous circulation) nach 17 Minuten. Wir reanimieren noch 2 Minuten weiter da seine Herzfrequenz noch keine ausreichende Oxygenierung erlaubt. Blutdruck 150/83mmHg.  Wir fahren schnell auf die Intensivstation. Dort hat die IPS Pflege schon einen Noradrenalin Perfusor vorbereitet. Es werden alle Instalationen (ZVK, Arterie, etc ) vorbereitet.

Nach dem Morgenrapport schaue ich nochmal nach dem Patienten. Er hält sich mit 20y Noradrenalin auf einer Systole um die 100mmHg. Es wurde ein Röntgenbild des Thorax gemacht um einen Pneumothorax zu suchen. Wir haben die Rea richtig gemacht, mindestens 2 Rippenbrüche gehen auf mein Konto. Aber er hatte keinen Pneu. Es ist auch weiterhin unklar wieso er plötzlich so stark dekompensiert ist. Das Herz war schon voroperiert, Aortenklappenersatz. Und er hatte leichte Pleuraergüsse im Röntgen bei Aufnahme. Das dokumentierte Infiltrat sehe ich nicht, für mich ist es eher eine Herzinsuffizienz. Aber er hatte 38.8° Fieber bei Aufnahme. Da muss doch irgendwo was vor sich hin motten.

Im Verlauf des Tages wird noch ein transoesophageales Echo gemacht um Klappenvegetationen zu suchen. Auch diese konnten ausgeschlossen werden. Woher das Fieber und die Entzündungszeichen kommen bleibt unklar.

Mit der Familie wurde beschlossen, dass man mit den Katecholaminen nicht höher als 25y gehen möchte. Der Patient wollte nie an Maschinen hängen. Bei der Aufnahme auf der Notfallstation wurde dies nicht ausreichend besprochen und „Rea ja“ in die Kurve eingetragen.

Es lohnt sich früh über eine Patientenverfügung nachzudenken.

Nachtrag: 3 Tage später starb der Patient. Er wachte nicht mehr auf und die unterstützenden Medikamente wurden abgestellt.

Rauchzeichen

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Nachtschicht. Die spannendsten Fälle kommen immr in der Nacht. Ich mag Nachtschicht.

Der Drucker rattert, eine Ambulanz-Meldung kommt per Fax rein. Synkope. Die Patientin ist jung. 29 Jahr alt.  Ich verdrehe innerlich die Augen und denke „wieder eine die zu viel gesoffen hat“

Beim Eintreffen der Rettung ist die Patientin wach und orientiert.Die Patientin berichtet, das sie mit ihrem Freund in einer Shisha-Bar gewesen wäre. Sie hätte nur Mineralwasser getrunken. Plötzlich wäre ihr schwindelig geworden und sie ging vor die Tür um etwas frische Luft zu schnappen.Vor der Türe wurde sie ohnmächtig und war 3 Sekunden bewustlos. Keine Prodromi wie z.b. ein warmes aufsteigendes Gefühl, Atemnot, Thoraxschmerzen, Kopfschmerzen oder ähnliches. Sie war einfach zack und weg. Dies klingt für mich anfangs nach Orthostase oder Rhythmusstörung.

Ich veranlasse ein EKG. Dies ist normal. Was meistens auch bei den Synkopen auf Grund von Rhythmusstörungen so  ist. Um dies genau auszuschliessen bräuchte man ein 24h oder 7 Tage EKG. Wenigstens ist keine Ischämie zu sehen. Die hatte ich aber auch nicht erwartet.

Die neurologische und kardiologische Untersuchung ist unauffällig. Ebenso die Laborwerte. Sie ist nicht anäm bei St. n. Vitamin D Mangel.

Ich gehe nochmal die Anamnese durch. Sie war Shisha rauchen, kein Alkohol, Vater mit Klappenersatz…..sie war Shisha rauchen….da war doch mal ein Artikel den ich gelesen hatte. Ebenfals eine junge Patientin mit einer Kohlenmonoxid-Intoxikation nach Shisha rauchen. Wie wahrscheinlich konnte das sein? Ihr ging es gut, die Untersuchung war normal, sie war stabil und eigentlich wollte ich sie bereits entlassen, da synkopiert sie mir nach dem Aufstehen wieder.

Jetzt musste ich einfach dem Gefühl nachgeben und machte eine arterielle Blutgasanalyse. Meine Pflege hat mich ein bisschen schief angeschaut. Das Resultat bestätigte meinen Verdacht. COHb 19.7% normalerweise beträgt der Wert ungefähr 0.4-1.6%. Ich veranlasse sofort eine Sauerstofftherapie mit 10l O2 über Maske und eröffne der Patientin dass sie über Nacht Gast auf unserer Intensivstation wird. Sie war nicht so begeistert.

Eine Kohlenmonoxid-Intoxikation kann lebensgefährlich sein. Das Kohlenmonoxid bindet sich an die roten Blutkörperchen und verdrängt den Sauerstoff. Die Organe werden unterversorgt und können geschädigt werden. Gewebe geht zu Grunde. Laktat steigt und das Säure-Base-Gleichgewicht wird gestört. Die Patienten entwickeln eine metabolische Azidose. Der PH Wert unserer Patientin war zum Glück normal. Ebenso ihr Laktat Wert. Aber das wichtigste ist: Bei einer CO-Intoxikation ist die Sättigung normal! Der Oxymeter kann nicht zwischen Sauerstoff und Kohlenmonoxid unterscheiden!

Eine therapiebedürftige CO-Vergiftung besteht ab 10%. Bei Schwangeren muss ab 20% eine hyperbare Sauerstofftherapie durchgeführt werden. Bei nicht-schwangeren Patienten oder Männern 🙂 ab 25% Dies war zum Glück bei unserer Patientin auch nicht notwendig.

Am Folgetag wurde eine erneute ABGA durchgeführt. Der COHb war über Nacht auf 1.7% gesunken und wir konnten die Patientin in gutem Allgemeinzustand und diesmal ohne Synkope entlasssen.

What a night…Teil 2

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Danach kann ich mich eigentlich nicht mehr genau erinnern wer zuerst kam 🙂

Nächste Patientin mit Thoraxschmerzen traf ein. Sie verstand leider kein Deutsch, aber der Sohn übersetzte. Sie habe seit gestern morgen Schmerzen auf der linken Brusthälfte. Keine Ausstrahlung, keine Atemnot. Ich schreite zum äussersten und untersuche die Patientin. Als ich den Thorax abtaste springt sie mir fast von der Liege. Auf Druck auslösbare Schmerzen sind kein Herzinfarkt oder Lungenembolie. Auch eine Pneumonie halte ich für unwahrscheinlich. Ich Röntge sie trotzdem um eine Fraktur auszuschliessen. Die Bild sieht gut aus. Labor komplett bland. Ich diagnostizierte muskuloskelettale Schmerzen und verordne ihr eine analgetische Therapie.

Zurück zu dem Patienten mit den Thoraxschmerzen/Flankenschmerzen. Mittlerweile ist sein Urinstatus zurück und er wurde geröngt. Alles bland. Ich bin ratlos. Bei der Vorgeschichte Multiples Myelom habe ich ständig die Milz im Hinterkopf. Zudem ist bei dem Patienten links ein Ureter fissus bekannt.  Er braucht eine Sonographie. Diese kann aber erst am Sonntag am Tag gemacht werden. Mein Können reicht dafür nicht aus 🙂 Ich gebe ihm Schmerzmittel mit und entlasse ihn nach Hause. Morgen um 9 Uhr wird die Sonographie gemacht. Falls die Schmerzen schlimmer werden kommt er wieder.

Gerade rechtzeitig fertig mit Entlassen. Der nächste Schockraum rollt an. Unsere Infos: Tracheostomapatient. Tracheostoma verstopft, starke Atemnot. Schleim lässt sich nicht absaugen.

Wieder wird die Anästhesie dazu geholt. Dies ist eindeutig ihr Spielplatz. Mit solchen Atemwegen kenne ich mich nun wirklich nicht aus. Noch nicht. Der Patient trifft ein. Er ist wach und hat sichtlich mühe Luft zu bekommen. Das Tracheostoma hat er seit ca 1/2 Jahr nach Entfernung eines Stimmlippenkarzinoms. In den letzten Tagen häufen sich die Schleimpfropfen. Seine Sättigung ist gerade noch so akzeptabel. Die Rettung mass 88%. Wir saugen ab und verabreichen Ventolin  (Salbutamol) zum Weiten der Atemwege. Ein neues Tracheostoma wird eingeführt. Die Sättigung steigt und der Patient wird langsam ruhiger. Wir fahren auf die IPS. Dort wird eine Inhalation an das Tracheostoma gehängt. Die Sättigung ist wieder im grünen Bereich.

Auf der IPS checke ich noch meine Patientin mit dem hypovolämen Schock. Sie ist mit ihrem Hämoglobinwert schon auf 78g/l angestiegen nach 3 Blutprodukten. Das Noradrenalin läuft noch auf 10y. Ihr Extremitäten sind warm und sie schläft tief und fest.

Zurück auf den Notfall. Die Rettung kündigt sich an mit einem Alkohol-Intox. Oh je! Die Patientin ist jung und nicht sehr auskunftsfreudig. Zum Glück hat sie viel Gepäck dabei und wir finden die nötigen Informationen. Unter anderem Drogenbesteck. Ihr Urin war auch positiv auf Koks und Opiate und sie ist wohl aktuell in einer Entzugstherapie. Da sie langsam aggressiv wird und uns schlägt, kriegt sie grosszügig Midazolam von mir und wird auf die IPS verfrachtet zur Überwachung. Zum Babysitten haben wir keine Zeit.

Ich muss mich nämlich um die junge Patientin kümmern mit der supraventrikulären Tachykardie. Ich freue mich schon aufs Adenosin spritzen. Dummerweise für mich und schön für sie konvertiert sie in den Sinusrythmus nach Eiswasser trinken. Die Valsalva Manöver und die Carotismassage hat nix gebracht aber das Eiswasser. Sie erhält noch ein bisschen Betablocker da sie noch tachykard ist bei 125. Mein Oberarzt will sie in seiner Sprechstunde sehen zur Planung des weiteren Vorgehens. Wir können sie beschwerdearm wieder entlassen. Sie kommt zurück wenn erneute Beschwerden auftreten.

Und dann wurde es langsam ruhig. Ach mist! Ich hatte den Verstorbenen auf dem 4. Stock vergessen! Schnell hoch und den Tod bestätigen bevor die Tagschicht eintrifft. Diese Leichenschau war leicht. Nach 5 Stunden waren schon Totenflecke zu sehen und die Kornea war bereits trüb.

Nun musste noch der Papierkram erledigt werden! Mit einem 3-fachen Kaffee den ich im OP geklaut hatte ging das sehr gut. 😉

What a night…Teil 1

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Nachtdienst 4/7

Ich hatte echt nen guten Start in meine Nachtschichtwoche. Als hätte sich die Patienten für diese Nacht aufgespart.

Es find leicht an. 17-jährige Patientin mit einer allergischen Reaktion. Angekündigt wurde es uns als Asthma-Anfall. Beim Eintreffen auf dem Notfall bemerkten wir jedoch den Ausschlag am Oberkörper und die geschwollenen Augen. Wir starteten eine i.v. Therapie mit Steroiden und H1- und H2 Blockern und behielten sie an der Überwachung.

Während ich die „Kleine“ versorgte trafen die „unklaren Brustschmerzen“ ein. Diese stellten sich nach meiner ersten Einschätzung eher als Flankenschmerzen heraus. Die kollikartigen Schmerzen passten auch. Was mich störte: Ich konnte die Schmerzen auf Druck und Klopfen auslösen. Vielleicht hatte sich der Stein ja bereits infiziert. Ich war ein bisschen ratlos. Brauchte einen Urinstatus. Zum Ausschluss potentiell tödlicher Sachen schloss ich noch das ACS mittels EKG und Herzenzymen aus. Es erschien mir schon von Anfang an unwahrscheinlich, aber man weiss ja nie. Ich wurde dann von dem Patienten weggerufen. Die Pflege kam rein „Schockraum in 3 Minuten“

Aus dem Zimmer raus und rein in den Schockraum. Unsere Informationen waren: Blase Patientin, GCS 7, ev. Rhythmusstörung. Die Rettung traf ein. Ein Blick genügte um zu sehen, dass die Patientin in einem sehr schlechten Zustand war. Ein Griff zum Telefon. Mein Oberarzt war im Haus. Die Anästhesie traf auch gleich ein. Wir erhielten die Übergabe der Rettung und schlossen die Patientin an die Überwachung an. Erster Blutdruck 63/48mmHg. Sie war tachykard bei 130. Meine Pflege bemühte sich sofort um einen 2. Zugang. Die Anästhesie legte eine Arterie. Ich machte mich an die Erstuntersuchung. Pupillen reagierten, Extremitäten kalt, die Halsvenen nicht gestaut, 4/6 Systolikum unmöglich die Klappe zu bestimmen, man hörte es überall. Kein Giemen über den Lungen, Thorax hebte sich gleichmässig. Bauch weich, Darmgeräusche vorhanden. Man Oberarzt traf ein. Er kennt die Patientin aus seiner Sprechstunde. Sie hat eine schwere Aortenstenose und sollte operiert werden. Die Anästhesie bemühte sich weiterhin um den Blutdruck. Flüssigkeit reichte nicht und wir begannen mit Noradrenalin aus der Hand bis der Perfusor bereit war. Langsam besserte sich der Blutdruck. Die Arterie war gelegt und ich analysierte die arterielle Blutgasanalyse. Hämoglobinwert 34, sage ich laut in den Schockraum! Nun war das Problem klar. Hypovolämer Schock. Die Patientin wurde auf die Intensivstation verlegt und erhielt im Gesamten 4 ECS. Nachdem der Blutdruck stabilisiert war klarte sie auf. Sie berichtete über schwarten Stuhlgang in den letzten Tagen. Wahrscheinlich war die Ursache für den Blutverlust eine obere gastrointestinale Blutung. Über Nacht hielt sie sich auf der IPS stabil unter 10y Noradrenalin. Am Morgen konnte dieses bereits ausgeschlichen werden.

Es war erst 2 Uhr morgens….

 

„Ich klebe jetzt die Defi-Pads…“

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…war der Anruf der meine Mittagspause beendete. Vor mir ein halb voller Teller mit Essen. Ich noch nicht satt. Aber die Pflicht ruft. Mit der Oberärztin im Schlepptau laufen wir zügig Richtung Schockraum. Eine ventrikuläre Tachykardie wartet auf uns.

Im Schockraum treffen wir den wachen 70-jährigen, relativ beschwerdefreien Patienten an. Die Defi Pads kleben mittlerweile. Wir möchten sie aber nicht gebrauchen. Der Monitor zeigt eine breitkomplexige monomorphe Tachykardie von 234/min. Die Ehefrau erzählt mir schnell die Geschichte und ich ergänze die Anamnese mit den Risikofaktoren. Die Familienanamnese ist ziemlich übel. Vater mit Stroke, Bruder mit 30 an Herzinfarkt gestorben (am zweiten). Der Patient selber erlitt einmal einen „stummen Infarkt“ dh man sah im EKG, dass es mal eine Ischämie am Herzen gab.

Meine Pflege ist schon munter dabei. Infusion legen, EKG schreiben und was es halt sonst zu tun gibt. Wir rufen die Anästhesie dazu. Da wir vorhaben den Patienten zu kardiovertieren, dh mit Strom den Rhythmus wieder in normale Bahnen zu lenken brauchen wir eine kleine Narkose. Schnell sind die Kollegen da. Mittlerweile sind wir 7 Leute im Schockraum. Der Patient ist sehr still. Wir erklären ihm alles. Dann wirkt auch schon die Narkose.

Der Defibrillator wird auf 100 J aufgeladen. Alles weg vom Tisch. Strom wird abgegeben. Die Arme vom Patienten schnellen in die Höhe. Aber nicht der Brustkorb wie man es immer im Fernsehen sieht. Und viola haben wir wieder ein Vorhofflimmer. Dies ist der normale Rhythmus des Patienten. Besser geht’s nicht. 😉

Während wir auf die Laborergebnisse warten rufe ich unsere Kardiologen im nächsten Zentrumsspital an. Bei ST-Senkungen in den Brustwandableitungen vermuten wir eine Ischämie als Ursache für die Rhythmusstörung und möchten den Patienten gern in die Koronarangiographie schicken. Dies klappt auch und ich bereite die Verlegung vor.

Nun ist die Anästhesie wieder weg und ich habe Zeit den Patienten zu Untersuchen. Der Status ist unauffällig. Er ist eigentlich sehr fit. Fährt täglich Rad und hat das Rauchen schon 1983 aufgegeben. Doch die Gene kann man halt nicht wegtrainieren.

Die Papiere sind fertig und die Ambulanz kommt. Ich verabschiede mich und wünsche alles Gute. Wahrscheinlich sehe ich ihn in ein paar Tagen wieder wenn er zurück verlegt wird.

 

Krank gemacht

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Manche Menschen haben das Motto „Blos nicht zum Arzt, man könnte ja was finden“ Offenbar auch dieser „Kunde“

Ich erhalte einen Anruf. Die Patienten melden sich oft telefonisch an. Eine Frau ist am Draht. Ihr Partner habe so Atemnot und sehe „käsig“ aus. Ich bestelle sie ein.

Der Notfall ist brechend voll. Wir gehen in den Schockraum. Ich sehe einen 34-jährigen (!) Patienten, Marke Landwirt, adipös, bleich und sehr kurzatmig. Meine Pflege ist bereits in Aktion. Ich liebe meine Notfallpflege, die sind super! Blut wird abgenommen. Ich ordne eine arterielle Blutgasanalyse an. Globalinsuffizienz, d.h. zu wenig Sauerstoff im Blut, CO2 Retention. Etwas ist nicht ok. Ein EKG wird geschrieben. Es sieht komisch aus. Ich verlasse den Raum um es genau zu studieren. Rechtslage. Anzeichen einer beginnenden Rechtsschenkelblockierung. Tachykard. Die ST-Strecken sehen gut aus. Aber dies ist kein gesundes Herz. Der Patient ist 34. Ein Jahr älter als ich. Unterdessen hat meine Pflege die Vitalparameter erhoben. Ich sehe auf den Bildschirm und sehe weg und sehe wieder hin. „Ist das der Blutdruck“ Die Pflege guckt mich mit gehobenen Augenbrauen an und nickt. 256/170mmHg. Ich spreche den Patienten drauf an. Ja er habe immer so einen hohen Blutdruck. Okeeee. Die Freundin sitzt in der Ecke und guck mit mit einem wissenden Blick an. Sie wirkt resigniert. Offenbar redet sie schon länger an eine Wand.

Ich erhebe die Anamnese. Keine Krankheiten bekannt ausser dem Blutdruck. In letzter Zeit habe er viel Durst und neue Knöchelödeme. Nachts muss er 4-5x aufstehen und pinkeln. Er kann nicht mehr flach liegen und schläft im sitzen.

Die Anamnese erzählt mir genau was mir das EKG zeigt. Mittlerweile sind wir mit der Versorgung des Patienten fertig. Wir versuchen den Blutdruck vorsichtig zu senken. Der Patient inhaliert gerade. Obwohl er in der klinischen Untersuchung nicht obstuktiv klang versuche ich so seine Atmung zu verbessern. Der Blutdruck ist stur. Er senkt sich nur bis 200 systolisch.

Das Telefon klingelt und das Labor ruft mich an. Sie melden mir den Kreatininwert. 540mmol/l. Sie würden die Werte nochmal überprüfen. Auch das proBNP müsse sie verdünnen. Der aktuelle Wert wäre 25000.

Gut, jetzt haben wir neben der Herzinsuffizienz noch ne akute Niereninsuffizienz. Was kommt da wohl noch. Ich informiere meinen leitenden Arzt. Er kommt und sieht sich den Patienten an. Wir überlegen uns eine Verlegung ins Zentrum. Die Anästhesie will den Patienten lieber nicht auf unserer IPS überwachen, da wahrscheinlich noch die Notfalldialyse gebraucht wird. Dies machen wir nichts bei uns. Zudem befürchten wir, dass der Patient bald intubationspflichtig wird.

Ich beginne rumzutelefonieren. Das nächste Kantonsspital übernimmt den Patienten. Erneuter Anruf vom Labor. proBNP liegt bei 88128!

Die Rettung trifft ein und der Patient wird verlegt. GCS ist 15 und war es immer. Der Patient hatte keine neurologischen Symptome und uns auch keinen Anlass gegeben danach zu suchen.

Am nächsten Tag frage ich bei meinen Oberärzten ob sie was gehört hätten. Ja durchaus. Der Patient wurde nochmal verlegt. Er wäre eingetrübt und man hätte im 3. Spital eine Hirnblutung festgestellt. Ich bin ein bisschen geschockt und erkundige mich auf der Intensivstation des 3. Spitals nach ihm. Er ist mittlerweile intubiert und der Blutdruck wurde weiter gesenkt. Mehr wisse man noch nicht. Er lebt also noch. Ich soll mich nächste Woche nochmal erkundigen.

Der Patient leidet an einer sogenannten Hypertensiv emergency. Der hohe Blutdruck über die Jahre schädigte das Herz, die Nieren und führte nun auch zur Hirnblutung.

Meine Daumen sind gedrückt. Ob er es überlebt ist fraglich. Er braucht viel Glück.

Eine Welt zum Einsturz bringen

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Tagdienst auf dem Notfall. Heute scheint Herz-Tag zu sein. Alle Hausärzte melden mir einen Thoraxschmerz nach dem anderen an. Darunter auch Herr S.

Herr S. ist ein 80-jähriger Patient, der wie 65 aussieht. Er ist sehr fit für sein Alter und hat ausser einem Schilddrüsenhormon und einer Blutdrucktablette keine Medikamente. Auch die Diagnoseliste ist gut überblickbar. Mit dem Herzen hatte er noch nie ein Problem.

Nach der klinischen Untersuchung wird ein EKG geschrieben. Keine Ischämien erkennbar. Ich warte auf die Herzenzyme. Diese fallen ebenfalls normwertig aus. Die Anamnese lässt auch nicht auf Herzinsuffizienz schliessen. Es bestehen keine Ödeme, keine Nykturie (nächtliches vermehrtes Wasserlösen >3x) oder Probleme flach zu liegen. Zum Kardiomegalie (vergrössertes Herz) Ausschluss fertige ich ein Röntgen Thorax an. Das Herz ist normal gross, keine Ergüsse aber…

mehrere Schatten im rechten Mittel- und Unterlappen. Ich weiss, dass der Patient vor 2 Jahren ein Bronchuskarzinom des linken Oberlappens gehabt hatte. Dies wurde bestrahlt. Er war seit dem immer in regelmässigen Kontrollen beim Onkologen. Wir machen ein CT Thorax/Abdomen.

Der Befund ist ausgedehnt. Der Tumor befindet sich in beiden Lungen, beiden Nieren, den Nebennieren und der Bauchdecke. In der Mitte des Abdomens sieht man eine grosse Tumormasse. Ich kann nicht sagen, was sie alles einschliesst.

Ich teile es dem Patienten mit. Er nimmt es gefasst auf. Seine Partnerin bricht in Tränen aus. Sie kann es nicht verstehen. Man wäre doch regelmässig in der Kontrolle gewesen und die Tumormarker wären auch immer gemacht worden. Man hätte doch die Krebszellen im Blut sehen müssen. Ich versuche es ihr zu erklären. Doch in der Situation bringen Worte nicht viel.

Wir entlassen den Patienten nach Hause. In der Tasche ein Rezept mit Schmerzmitteln für den Thoraxschmerz. Ich hätte ihm den Herzinfarkt wirklich gegönnt.

 

Vorbei

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Meine 1.5 Jahre als Chirurgin sind vorbei. Ich bin gleichzeitig traurig und auch erleichtert. Traurig, dass ich es nicht geschafft habe, dass ich nicht das Zeug zur Chirurgin habe. Ich hatte es mit gewünscht. Doch nach einiger Zeit war operieren nur noch ein riesen Stress für mich. Die leitenden Ärzte setzten mich unter Druck. Pushten mich und motzen mich an ohne mal nur eine Minute ins teaching zu investieren. Wie sollte ich etwas perfekt können wenn ich es nur 1 mal gezeigt bekam und ca 2x gemacht hatte. See one, do one, teach one. Das Chirurgen-Moto. Leider nicht ideal für mich.

Auf dem Notfall lernte ich viel! Bekam super feedback und wurde auch gelobt wenn ich etwas gut machte. Auf dem Notfall fühlte ich mich wohl trotz des riesen Workloads. Ich wurde geschätzt und auch gebraucht. Auf der chirurgischen Station hatte ich immer nur das Gefühl alles falsch zu machen. Ein Scheissgefühl.

Wenigstens die Patienten waren zufrieden und zeigten sich immer dankbar für meinen Einsatz. Ich versuchte mir Bestätigung zu holen in Handlungen, die ein Chirurg normalerweise nicht macht. Negativbilanzierung, Blutdruckeinstellungen, Medi-Optimierung, etc…Internistische Tätigkeiten, die so viel für das Wohlbefinden meiner Patienten beitrugen.

Als dann mein Vertrag nicht verlängert wurde, wusste ich, dass es Zeit war die Koffer  zu packen. Nun freue ich mich auf meine 2 Jahre als Internistin.

Der Abschied an meinem letzten Tag viel auch sehr minimalistisch aus. Dei Leitenden und Oberärzte haben kaum noch was gesagt, vom Chef ganz zu schweigen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich so schlecht war. Das macht mich echt traurig und nachdenklich. Oder sind Chirurgen einfach so?

Ich versuche mein Glück nun wo anders und halte euch auf dem Laufenden.